Unsere kleine Welt

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Die derzeitig verbreitete Reaktion auf die Betrachtung unserer Welt zeichnet sich aus durch kollektives Jammern über die Tatsache, dass die Welt nicht so ist, wie sie der Einzelne gern hätte, anstatt den Zustand unserer Welt als Ergebnis unserer kollektiven und individuellen Entwicklung zu akzeptieren und ganz einfach zu registrieren, dass jeder Einzelne in der Lage ist, seine und damit unsere Welt jeden Tag zu etwas Besserem zu machen.

Wir verbreiten und verdauen in einem fort schlechte Nachrichten, während Gutes kaum noch ansatzweise in das Bewusstsein dringt. Wir fordern Lösungen von denjenigen, welchen wir die Verantwortung für den Zustand der Welt zuweisen, und verschließen uns gleichzeitig der eigenen Mitwirkung an der Gestaltung der Welt mit den unterschiedlichsten Begründungen. Dabei sind wir offenkundig nicht in der Lage, zu erkennen, dass wir auch und gerade durch die Unterlassung dieser Mitwirkung unsere Welt fortwährend verändern, aber mit dem gegenteiligen Ergebnis des Gefühls, wir könnten und würden nichts verändern. Diesen Zustand kann man als aktive Ohnmacht definieren.

Wir diskriminieren uns gegenseitig, weil der andere nicht dem eigenen Bild entspricht. Das ist aus singulärer Sicht verständlich, aber unglaublich dumm und zeugt nicht einmal ansatzweise so sehr von Intelligenz und Wissen um die Welt, wie die Beteiligten gern zu glauben bereit sind, sondern eher vom Unwissen um die Tatsache, dass kein Wesen singulär ist. Bereits die Reflexion über eine für uns tödliche Abwesenheit aller Mikroorganismen in unserem Körper erlaubt uns einen kleinen Einblick in die Unmöglichkeit der Singularität unserer selbst. Unser Ich und Wir sind Vorstellungen, Fiktionen, Annahmen, welche mit der Realität nichts zu tun haben. Sie beruhen einfach auf falschen Schlussfolgerungen aus unseren falschen Annahmen über das Wesen der Welt.

Jede uns – scheinbar von außen – erreichende und unser Leben verändernde Neuerung, jede Erfindung, jede Veränderung erzeugt unter diesen Bedingungen den Reflex der Abwehr, während unsere Welt im ständigem Wandel ist – ob wir das wollen oder nicht. Ja, es entspricht den Tatsachen, dass vieles Neue zunächst unter dem Blick des Vergangenen beurteilt und demzufolge für Zwecke verwendet wird, für die es nicht geschaffen worden ist. Ja, es entspricht den Tatsachen, dass wir uns auf diese Weise mehr und mehr in Abhängigkeiten verstricken, welche unser Überleben in Frage stellen, weil wir immer weniger in der Lage sind, individuelle Fähigkeiten zu entwickeln, welche dem Einzelnen eine gewisse Unabhängigkeit, statt Abhängigkeit versprechen. Doch diesen Zustand können wir ändern.

Wir müssen den Spagat zwischen der absoluten Abhängigkeit von unserer Umwelt und vom Kollektiv der Menschheit und der individuellen und relativen Unabhängigkeit des einzelnen Menschen schaffen, wenn wir als Individuen und als Kollektiv als zwei Seiten einer Medaille tatsächlich in einer Form überleben wollen, welche zu Recht als Leben betrachtet werden kann. Glaubt sich der Einzelne ausschließlich abhängig vom Kollektiven, dann verfällt er dem Irrglauben, er verfüge über keine wirkliche Individualität. Wähnt sich der Einzelne andererseits als völlig unabhängig vom Kollektiven, wird er seinen Irrtum schnell erkennen, wenn er in Situationen kommt, welche er ohne andere nicht überleben können wird. Es ist also unsinnig, sich ausschließlich auf der einen oder anderen Seite des Lebens zu wähnen.

Jeder Schritt in eine Richtung erfordert das Verlassen des eigenen Standpunkts. Kein Schritt ist ein Schritt zuviel.

Keine mögliche Entwicklung kann den jeweiligen Status quo der bisherigen Entwicklung außer Acht lassen, da sich Ursache und Wirkung bedingen.

Veränderungen und damit Entwicklungen beginnen immer beim einzelnen Individuum. Am Anfang steht die immaterielle Idee; dieser folgt die erste Handlung, welche die Idee in das materielle Sein transportiert, während auf diese Handlung sowohl materielle als auch immaterielle Reaktionen der Umwelt folgen. Im besten Fall folgt der Absicht und der Handlung die Freude. Und geteilte Freude ist doppelte Freude.

Bestehen diese Reaktionen jedoch, wie heute aus schlechter Angewohnheit üblich, aus Ärger und Abwehr, folgen diesen Reaktionen gesetzmäßig Reaktionen, welche sich auf den Ärger und die Abwehr beziehen. Bestehen diese Reaktionen dagegen aber aus Freude und Annahme, folgen diesen Reaktionen gesetzmäßig Reaktionen, welche sich auf die Freude und die Annahme beziehen. Im Grunde funktioniert unsere Welt sehr einfach, wenn sie auch sehr komplex ist.

Wenn demnach jede Handlung ebenso wie jede Unterlassung Veränderungen unserer Welt bewirken, welche uns, je nach Einstellung, Ärger oder Freude bringen, ist es nur noch ein Schritt bis zur Erkenntnis, dass Entwicklung also gar nicht vermeidbar aber sehr wohl steuerbar ist. An diesem Punkt beginnt die Selbstverantwortung beim Einzelnen zu wirken.

Im praktischen Sinne brauchen wir nur unsere Absichten zu untersuchen, um die Reaktionen, welche unsere Handlungen und Unterlassungen erschaffen werden, absehen zu können. Wollen wir Unangenehmes vermeiden, müssen wir Angenehmes beabsichtigen.

Kein Lächeln erschafft kein Lächeln.

Selbstverständlich ist das kein individueller Selbstläufer, da unsere guten Absichten niemanden automatisch daran hindern werden können, aus unseren Absichten etwas Unangenehmes für andere oder gar für uns selbst zu machen, aber der Weg ist richtig, da wir so zumindest unsere aktive Teilnahme am Unangenehmen vermeiden können.

Und tatsächlich ist das erste, was wir wirklich effektiv tun können für eine bessere Welt, die aktive Unterlassung schlechter Absichten. Wir werden Fehler machen, aber diese Fehler zeigen uns lediglich, dass wir uns in einem fortdauernden Lern- und Entwicklungsprozess befinden und wir noch nicht fertig sind und auch niemals fertig werden mit unserer Arbeit.

Die Welt wird sich niemals in einem fertigen Zustand befinden, welcher ewig währt. Aber sie kann sich in einem ständigen Wandel befinden, den (auch) wir jeden Tag aufs Neue definieren und lenken und uns an ihm erfreuen können, bevor es andere für uns tun. Weil es ganz einfach Spaß macht, nett zu anderen zu sein.

Wie klein unsere Welt tatsächlich ist, erahnen wir bei einem Blick in den nächtlichen Sternenhimmel; die Krümmung unserer Atmosphäre ist erkennbar. Unser Horizont befindet sich immer in Blickweite.

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