Realitätsgestaltung

Die wenigsten Menschen registrieren, dass sie die eigene und unsere gemeinsame Realität maßgeblich mitgestalten. Realitätsgestaltung ist meist etwas, was andere irgendwie machen und es scheint mit einer Menge Glück zusammenzuhängen. Selbst fühlt man sich meist zu schwach, zu arm, zu irgendetwas – Hauptsache ist das erfolgreiche Klammern an den Trugschluss: Was soll ich allein denn machen (ausrichten)?

Zu solchen Tendenzen der Selbstverleugnung sagte der Dalai Lama:

»Wenn Du glaubst, zu klein zu sein, um etwas verändern zu können, dann schlafe mit einer Mücke im Raum.«

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass wenige unserer Handlungen überhaupt etwas im Gefüge der Welt verändern. Die Idee, dass vor allem unsere Unterlassungen die Welt beeinflussen könnten, liegt den meisten so fern wie der Glaube an echte Zauberei. Dabei erfüllt alles, was wir tun und nicht tun, tatsächlich die Anforderungen an Magie, je nachdem, wie zauberhaft wir die Welt wahrnehmen möchten.

Dazu ein simples Experiment: Auf einem Tisch liegt ein beliebiger Gegenstand. Die experimentelle Anforderung ist die Bewegung dieses Gegenstandes von A nach B durch die Kraft meines Willens.

Zwei Alternativen der Lösung sollen hier angesprochen werden.

Lösung 1

Ich sage: »Abrakadabra, der Gegenstand soll sich von A nach B bewegen.« und der Gegenstand wechselt ohne Zuhilfenahme eines gegenständlichen Hilfsmittels seinen Standort.

Lösung 2

Ich sage nichts, sondern transportiere den Gegenstand mit meinen Händen oder einem anderen gegenständlichen Hilfsmittel von A nach B.

Im ersten Falle sind mir die begeisterten Zurufe der Zuschauer sowie eine zukünftige Erwerbsquelle und die Aufmerksamkeit der Naturwissenschaften gewiss. Im zweiten Falle lockt das keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

Welche Gemeinsamkeiten haben jedoch beide Lösungen?

In beiden Fällen wurde der Gegenstand durch die Kraft meines Willens von A nach B transportiert und damit die experimentelle Anforderung erfüllt.

Warum jedoch setzt uns die Lösung 1 in ein Erstaunen, dem wir sogleich den Verdacht entgegensetzen, es könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, während die Lösung 2 so derart alltäglich und durch jeden durchführbar ist, dass wir nicht einmal auf den Gedanken eines Erstaunens kommen? Warum bezeichnen wir die Lösung 1, unter der Voraussetzung der Beseitigung jeden Zweifels an der Zuhilfenahme gegenständlicher Mittel, als Magie, während wir die Lösung 2 als Normalität bezeichnen, welche in uns überhaupt kein Erstaunen auslöst?

Die sich hier ergebende Frage aller Fragen ist einfach: Aus welchen Gründen erscheint uns die Normalität nicht als Wunder?

Die Fiktion als Realität

»Ich glaube nur, was ich sehe.«

ist heute wohl die am meisten verbreitete Floskel der Menschheit – obwohl wir heute tatsächlich in einer Welt von Fiktionen leben.
Unter einer Fiktion wird landläufig etwas Unwahres bzw. nicht objektiv existierendes verstanden, was mit der allgemeinen und als objektiv bezeichneten Realität nicht übereinstimmt. Im juristischen und dem Wesen der Fiktion tatsächlich näher kommenden Sprachgebrauch ist eine Fiktion die Schaffung von immateriellen Realitäten, welche in unserer materiellen Welt reale Wirkungen erzeugen.

Betrachten wir zum besseren Verständnis die Fiktion einer juristischen Person. Eine natürliche Person, nennen wir sie Max Mustermann, zeichnet sich aus durch Zeugung, Geburt und Leben als Stoffwechsel. Max Mustermann kann man umarmen, herzen und streicheln oder mit ihm sprechen oder ihm auch körperliche Gewalt antun.

Gründet Max Mustermann jedoch eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, passiert echte Magie. Durch den Besuch bei einem Notar, der von Gesetzes, ebenfalls einer Fiktion, wegen in der Lage ist, auf der Grundlage von in ein geheimes Buch eingetragenen Zauberformeln der Gesellschaft mit beschränkter Haftung Leben einzuhauchen und ihre Existenz offiziell zu bestätigen, tritt die Fiktion der immateriellen Max Mustermann GmbH in das allgemeine Leben und wird in der Folge für den Zeitraum ihres Bestehens als juristische Person bezeichnet, welche eigenständig und unabhängig von der natürlichen Person des Max Mustermann existiert, also eine eigene Rechtspersönlichkeit besitzt und für ihre Handlungen in eine Verantwortung genommen wird, von der die natürliche Person Max Mustermann ausgeschlossen sein kann. Im Gegensatz zur natürlichen Person Max Mustermann kann man die soeben erschaffene Fiktion der juristische Person weder umarmen, herzen und streicheln oder mit ihr sprechen oder ihr auch körperliche Gewalt antun.

Im Grundgesetz findet dieser Unterschied seinen Niederschlag in Art. 19 Abs. 3 GG, welcher besagt:

»Die Grundrechte gelten auch für inländische juristische Personen, soweit sie ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind.«

Ausschlaggebend ist hier der Halbsatz 2: »soweit sie ihrem Wesen nach auf diese anwendbar sind«.

Betrachten wir zum besseren Verständnis den Artikel 2 GG, welcher in Absatz 1 verfügt:

»Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.«,

während Absatz 2 festlegt:

»Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.«

Während Absatz 1 durchaus anwendbar ist auf juristische Personen und deren Persönlichkeit, kann Absatz 2 ausschließlich auf natürliche Personen angewendet werden, da eine juristische Person weder über Leben als Stoffwechsel verfügt noch über einen stofflichen Körper, welche verletzt werden können, oder eine Freiheit, welche entzogen werden kann. Simpel gesagt, kann man eine juristische Person nicht ermorden oder sie in ein Gefängnis einsperren. Man kann sie, ebenfalls durch Zauberformeln, als nicht mehr existent erklären, womit sie aufhört zu existieren. Dieser Vorgang jedoch fügt der juristischen Person keine Schmerzen zu. Sie lebt im materiellen Sinne nicht wirklich, sondern nur in unserer Vorstellung; aber sie hat Wirkungen für unser Leben. Sie ist also real.

Eine Ersatzrealität ist kein Ersatz für Realität.

Grundlage dieser wahrlich magischen Praxis ist die Fähigkeit der Menschen, aufgrund von nicht stofflichen, also immateriellen Einbildungen zum Einen Fakten im »da Draußen« zu schaffen und sich mit anderen Menschen auf der Grundlage dieser dann gemeinsamen Einbildungen eine Ersatzrealität bzw. die »echte« erweiternde Realität zu schaffen, welche ebenso real ist, wie jede andere Realität.

Und in der Tat, wenn wir unsere heutige Welt genau betrachten, kommen wir zu der Erkenntnis, dass sie wesentlich mehr auf Fiktionen beruht, als auf stofflichen Realitäten. Wir leben in einer Welt der Phantasie.

Neben unserer physischen Existenz werden wir selbst auch mit juristischen Fiktionen ausgestattet in Form der Definition als Steuerzahler mit einer Steuernummer, als Erwerbstätiger oder Arbeitsloser mit einer entsprechenden Identifikationsnummer oder als Staatsangehöriger, auch hier mit einer Identifikationsnummer ausgestattet.

Die zunehmende Digitalisierung erschafft zum Beispiel digitale Abbilder von uns, welche langsam aber sicher die Realität »da draußen« und auch unsere eigene Realität mehr beeinflussen können, als unsere analogen Selbste. Inzwischen sind wir an einem Punkt angelangt, bei dem eine Veränderung unserer digitalen Abbilder unsere physische Existenz nachhaltig verändert und in Kürze wird unsere physische, stoffliche, also analoge Realität vom digitalen Abbild abhängig sein. Das wird bedeuten, dass die Auslöschung der Existenz unserer digitalen Abbilder, also der durch uns geschaffenen Fiktionen unserer Selbst, zur physischen Auslöschung unseres analogen Selbst führen kann und wird. Wem die Bank die Verfügung über die Fiktion eines Bankguthabens aus welchen Gründen auch immer sperrt, wird einfach verhungern müssen, wenn ihm die Fiktion Geld nicht von anderen zur Verfügung gestellt wird.

Alle gesellschaftlichen Institutionen, seien es Familien, Nationen, Staaten, internationale Staatenbünde und Organisationen, sowie deren Regeln beruhen auf Fiktionen, welche unsere Welt und die Vorstellung von ihr maßgeblich formen.

Alleinige Grundlage all dieser Fiktionen ist der Glaube einer signifikanten Anzahl von natürlichen Personen an ihre Realität. Terry Pratchett hat in seinen Scheibenwelt-Romanen immer wieder betont, dass die Schaffung von Göttern einen Glaubensakt erfordert und ihre Existenz davon abhängig ist, wieviele Menschen an sie glauben. Verringert sich die Zahl der Gläubigen, schrumpft der jeweilige Gott – bis er einfach verschwindet, wenn keiner mehr an ihn glaubt.

Gleiches gilt für unsere gesellschaftlichen Fiktionen: Stellt eine signifikante Anzahl von Menschen die Existenz z.B. eines Staates in Abrede und glaubt nicht mehr an dessen Existenzberechtigung, so wird dieser Staat aufhören zu existieren. Das jüngste Beispiel aus der deutschen Geschichte ist die sogenannte Wende im Jahre 1989, welche zur Auflösung der juristischen Person der Deutschen Demokratischen Republik führte. In diesem Falle hören auch alle entsprechenden Regeln auf zu existieren. Zum Beispiel kann man juristisch eindeutig sagen, dass die Auflösung der DDR (einer Fiktion) entgegen ihrer Verfassung (einer Fiktion) erfolgte, und man könnte nunmehr behaupten, im juristischen Sinne würde die DDR noch existieren. Das ist korrekt. Der Casus Knacktus dabei ist, dass es an einer signifikanten Anzahl von Menschen mangelt, welche an die Existenz der DDR glauben, was zur Folge hat, dass dieser »Gott« tot ist. Er verschwand mit einem leisen Phffft. Und wer heute noch an seine Existenz glaubt, hat die Lacher der Geschichte auf seiner Seite.

Mit diesem Wissen ausgerüstet, dürfte jedem verständigen Zeitgenossen klar sein, dass all diese Fiktionen, die uns scheinbar unabhängig umgeben und unser Leben für den Einen zum Besseren und für den Anderen zum Schlechteren beeinflussen, ausschließlich von unserem festen Glauben an sie am Leben erhalten werden.

Und jede Fiktion kann und wird durch andere ersetzt werden, denn das einzig Dauerhafte ist der Wandel. Die Frage ist am Anfang und Ende einer jeden Fiktion immer, wie sehr sich der Einzelne am Glauben an diese Fiktion beteiligt und sie so ins Leben gebiert oder ihren Tod begleitet.

Praktische Anwendung

Die Formel für die praktische Anwendung ergibt sich aus dem Verständnis der vorgehenden Erläuterungen.

  1. Eine signifikante Anzahl von Menschen muss eine gemeinsame Idee zur Erschaffung einer gemeinsamen Realität haben.
  2. Jeder tut sein Mögliches zur Weiterentwicklung der Idee und ihrer faktischen Anwendung.

Das ist alles. Jede Idee beginnt immateriell und wird mit den notwendigen Bedingungen ausgestattet, welche ihr die Geburt in die materielle Welt erlauben und erleichtern.

Ob es sich dabei um Ideen zu politischen Veränderungen handelt, wie einem Grundeinkommen, einer menschlichen Daseinsfürsorge oder direkter Demokratie, oder um Ideen zur Bereicherung weniger auf Kosten anderer, wie einer Parteiendiktatur, der Abschaffung der Demokratie oder gar die Denunzierung des Rechts aller Menschen auf Leben, ist in Bezug auf Prinzip und Vorgehensweise ein und derselbe Vorgang:

Absicht, Handlung, Freude.

Die durch den immateriellen Geist als Ursache immateriell erschaffene Idee als Wirkung ist die einzige Fiktion zur Schaffung von auch materieller Realität, welche nicht ausgelöscht werden kann und dementsprechend immer eine Wirkung auf alle anderen Realitätsbereiche ausstrahlt, wie marginal diese Wirkung gemäß der Beurteilung durch den einzelnen auch sein mag, und damit das gesamte Realitätsgefüge beständig verändert. Da jede Idee im Moment ihrer Entstehung beginnt zu wirken – durch die Ursache der Erkenntnis der dazu benötigten Bedingungen – und somit das ganze Energiegefüge der bisherigen Realität ändert, ist sie unsterblich. Da ist der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik unerbittlich.

Ich will z.B. eine politische Veränderung? Dann muss ich Lösungen visualisieren und durchspielen, welche den von mir als Problem definierten Teil meiner Realität und der anderer zum Besseren zu ändern geeignet sind. In der Folge kann ich im Gespräch mit anderen Menschen verifizieren, ob das Problem und meine Lösungsansätze bereits bekannt sind und meine Idee kommunizieren. Das Ergebnis dieser Prüfungen kann bedeuten, dass sich andere meiner Idee anschließen oder dass ich mich der vielleicht besseren Idee anderer anschließe. Wichtig ist, ob die Idee meine Vorstellung einer zukünftigen Realität durchzusetzen in der Lage ist, wenn die Bedingungen stimmen. Am Schluss bedarf es einer signifikanten Anzahl von Mitmachern und schon geht die Post ab, wann auch immer sie ankommt.

Deshalb sagen die Buddhisten: Ändere Dich und Du änderst das ganze Sein.

Änderung kommt nicht von der Verteidigung des Status quo, sondern vom Andersmachen. Routinen brechen. Entzug vom Falschen … mit typischen Entzugserscheinungen. Den Standpunkt wechseln wollen. Wissen wollen. Die Realität gestalten. Stolpern, hinfallen, wieder aufstehen.

Wer koane Fehla mocht, koa o nix lerna und hod o nix glernt, zefix.

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